Über 600'000 Menschen in der Schweiz pflegen eine angehörige Person.
Über 600'000 Menschen in der Schweiz pflegen eine angehörige Person.

Hohe Gewinne mit pflegenden Angehörigen? «Es braucht einen neuen Pflegetarif»

Interview mit Tobias Holzgang, Leiter Angehörige Pflege von Caritas Schweiz

Private Spitex-Organisationen erzielen durch die Anstellung von pflegenden Angehörigen hohe Gewinne. Mit ihrem Non-Profit-Modell bietet Caritas Schweiz eine Alternative. Leiter Tobias Holzgang erklärt, wie es funktioniert und was Politik und Behörden dringend unternehmen müssen.

Tobias Holzgang, was genau ist das Angebot von Caritas und warum braucht es dieses? 

Pflegende Angehörige sind längst kein Randphänomen mehr, sondern eine tragende Säule der Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Dennoch werden ihre Leistungen oft übersehen. Mit der Anstellung können wir sie fachlich begleiten und mit 35.50 Franken pro Stunde entlöhnen. Das entlastet pflegende Angehörige, sichert sie aber auch finanziell für die Zukunft ab. 

Warum engagiert sich die Caritas in der Angehörigenpflege?

Der Kernauftrag der Caritas ist die Armutsbekämpfung. Wer seine Angehörigen pflegt, reduziert oft das Arbeitspensum oder steigt ganz aus dem Beruf aus, weil die Pflege zeitintensiv ist. Das führt zu Lohneinbussen, fehlender sozialer Absicherung und später oft auch zu Lücken in der Altersvorsorge. 

Für die unbezahlte Care Arbeit gibt es in der Schweiz noch keine Lösung. Mit unserem Angebot können wir nun einen Teil dieser Care Arbeit entschädigen. Dabei schaffen wir sowohl eine bessere Qualität in der Pflege zuhause als auch mehr soziale Sicherheit für die Menschen, die diese wichtige Arbeit leisten. Wir zahlen faire Löhne sowie Beiträge in die Sozialversicherungen ein und verhindern so, dass aus Fürsorge langfristig Armut entsteht. 

Sie sagen, die Leistung von pflegenden Angehörigen wird oft übersehen. Weshalb?

Weil diese Arbeit oft im Privaten stattfindet und gesellschaftlich noch immer als selbstverständlich angesehen wird. Viele Angehörige übernehmen anspruchsvolle Pflege- und Betreuungsaufgaben, ohne dass dies als eigentliche Versorgungsleistung wahrgenommen wird. 

Dabei ist klar: Ohne pflegende Angehörige würde unser Gesundheits- und Sozialsystem massiv unter Druck geraten. Viele Menschen könnten nicht mehr zuhause leben, sondern müssten früher in stationäre Einrichtungen oder häufiger hospitalisiert werden. Pflegende Angehörige entlasten also nicht nur ihre Familien, sondern auch Gemeinden, Kantone und das gesamte Gesundheitssystem.

Viele Angehörige leisten diese Arbeit unbezahlt und ohne professionelle Begleitung. Was bedeutet das für sie?

Das bedeutet oft eine enorme Doppelbelastung. Die finanziellen Einbussen habe ich bereits erwähnt. Hinzu kommt die emotionale Belastung. Wer einen nahestehenden Menschen pflegt, ist nicht einfach Dienstleister, sondern emotional stark eingebunden. Das kann zu Erschöpfung, Isolation und finanzieller Unsicherheit führen. 

Tobias Holzgang, Projektverantwortlicher Caritas Care
«Unser Modell funktioniert bewusst anders: Wir arbeiten gemeinnützig. Das bedeutet, wir verzichten auf Gewinnmaximierung.»Tobias HolzgangLeiter Angehörige Pflege

Zudem sind die Angebote zur Entlastung und Unterstützung sehr unterschiedlich. Bei uns unterstützt eine regional verankerte Pflegefachperson die pflegenden Angehörigen, um die passenden Angebote für Entlastung und Aus- und Weiterbildung zu finden. Zudem ist Entlastung auch immer eine Frage der finanziellen Mittel – wer diese nicht hat, kann sich keine Entlastung leisten. Viele pflegende Angehörige investieren ihren Lohn in Entlastungsangebote. Zudem übernehmen die Pflegefachpersonen die Koordination mit anderen Dienstleistern wie der öffentlichen Spitex oder Entlastungsdiensten.

Aktuell gibt es viel Kritik an privaten Spitex-Unternehmen, die sich auf die Anstellung von pflegenden Angehörigen spezialisiert haben und hohe Gewinne erzielen. Teilen Sie diese Kritik? 

Absolut. Diese Diskussion ist wichtig. Wenn öffentliche Gelder in erster Linie hohe Unternehmensgewinne finanzieren, gibt es einen Fehler im System. Der vorgesehene Tarif im Krankenversicherungsgesetz (KVG) ist derzeit zu hoch. Dies, da die Pflege durch Angehörige und die herkömmliche Pflege von Spitex-Organisationen andere strukturelle Kosten mit sich bringen. Dies wird derzeit ausgenutzt, um Gewinnmaximierung zu betreiben.

Wie unterscheidet sich die Caritas denn von gewinnorientierten Spitex-Unternehmen?

Unser Modell funktioniert bewusst anders: Wir arbeiten gemeinnützig. Das bedeutet, wir verzichten auf Gewinnmaximierung. Deshalb sind unsere Vollkosten pro Stunde tiefer als jene der privaten Spitex-Organisationen. Alles, was wir erwirtschaften, fliesst zurück in unser Angebot, um dieses weiterzuentwickeln und auszubauen. 

Wir bieten zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz den Lehrgang «Pflegende Angehörige SRK» an. Dieser ist in gewissen Kantonen Pflicht für unsere pflegenden Angehörigen, die Kosten übernehmen wir. Der Kurs bereitet sie auf ihre Aufgaben vor und unterstützt sie in ihrer individuellen Pflegesituation. Die Teilnehmenden schliessen mit einem schweizweit gültigen Zertifikat ab. Das Bildungsangebot dient zur Verbesserung der jeweiligen Pflegesituation. 

Im Vergleich zu gewinnorientierten Spitex-Unternehmen ist zudem unser Betreuungsschlüssel enger. Bei einem 100% Pensum begleiten unsere Pflegefachpersonen im Durchschnitt 24 pflegende Angehörige. Das ermöglicht uns eine enge, individuelle Begleitung.

Die Caritas arbeitet auch mit den Gemeinden zusammen. Was ist konkret das Ziel?

Wir sehen unsere Rolle darin, unsere Erfahrungen mit den zuständigen Behörden zu teilen. So legen wir beispielsweise jährlich unsere Kostenrechnungen vor und zeigen somit auf, dass Angehörigenpflege die Kantone und Gemeinden nicht unnötig stark belasten muss. Zudem setzen wir uns politisch dafür ein, dass die Angehörigenpflege anerkannt wird und gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, welche die Bedürfnisse der Angehörigen abdeckt.

Kritiker sagen: «Pflegende Angehörige anzustellen, verteuert das Gesundheitssystem zusätzlich». Was sagen Sie dazu?

Im Moment werden Spitex-Organisationen für Angehörigenpflege und jene für herkömmliche Pflege von den Krankenkassen gleichbehandelt, sowohl bei der Finanzierung als auch bei den Vorgaben für die Qualitätssicherung. Das schafft derzeit in der Tat Fehlanreize. Erste Kantone beginnen nun deshalb mit der Regulierung, was wir begrüssen.

Allerdings ist Angehörigenpflege oft günstiger als herkömmliche Pflege, weil weniger administrative und infrastrukturelle Kosten anfallen. Die Politik muss die Finanzierung deshalb stärker an den tatsächlichen Kosten ausrichten. Mit einer korrekten Finanzierung würde die Angehörigenpflege Kosten sparen. 

Was fordern Sie konkret?

Der KVG-Tarif für die Grundpflege – die sogenannten C-Leistungen – ist zu hoch. Es braucht einen eigenen Tarif für die Angehörigenpflege, dabei könnten auch gleich die Rahmenbedingungen definiert werden. 

Zudem sind die Kontrollen der Behörden nicht ausreichend. Oftmals hören diese an der Kantonsgrenze auf. Hier müsste schweizweit zusammengearbeitet werden. Einheitliche Bedingungen würden auch die Arbeit der Krankenkassen vereinfachen. Im Moment werden Versicherte der Grundversicherung je nach Krankenkasse unterschiedlich behandelt. Das darf nicht der Fall sein. 

Da sich solche strukturellen Veränderungen realpolitisch nur langsam umsetzen lassen: Wie reagiert die Caritas kurzfristig darauf?

Wir teilen unsere Erfahrungen mit Behörden und Politikerinnen und Politikern und zeigen transparent auf, wie die Anstellung von pflegenden Angehörigen Teil eines volkswirtschaftlich nachhaltigen Systems sein kann. 

Geschrieben von Kyra Renidear, Marketingverantwortliche Angehörigen Pflege, Caritas Schweiz

Gerne vermitteln wir Interviews und beantworten Medienanfragen: medien@caritas.ch

Weitere Informationen

Titelbild: Über 600'000 Menschen in der Schweiz pflegen eine angehörige Person. © Alexandra Wey